AI Work · Level 1 · Grundlagen

KI-Chatbots im Kundenservice: die erste Einrichtung

So richten Sie einen ersten KI-Chatbot im Kundenservice ein: Themen, Wissensbasis, Tonfall, Übergabe an Menschen, ehrliche Antworten und passende Kennzahlen.

Von 8 Min. Lesezeit
So richten Sie einen ersten KI-Chatbot im Kundenservice ein: Themen, Wissensbasis, Tonfall, Übergabe an Menschen, ehrliche Antworten und passende Kennzahlen.

Viele Kundenfragen kommen jeden Tag wieder: Wo ist meine Bestellung? Wie schicke ich das zurück? Wann haben Sie geöffnet? Ein KI-Chatbot kann sie zu jeder Uhrzeit in Sekunden beantworten, während Ihr Team die Fälle übernimmt, die einen Menschen brauchen. Schlecht eingerichtet, verärgert derselbe Bot die Kundschaft. Er gibt falsche Antworten in selbstsicherem Ton, macht Versprechen, die das Unternehmen nicht halten kann, und versteckt den Weg zu einem Menschen.

Dieser Artikel ist Teil 2 von Level 1 in unserem Lernpfad AI Work. Teil 1 drehte sich um die Suche nach neuen Kunden; in diesem Teil geht es um die Kunden, die Sie schon haben. Sie lernen, wie ein KI-Chatbot seine Antworten findet, mit welchen Themen Sie beginnen, wie Sie seine Inhalte vorbereiten, wie die Übergabe an Menschen funktioniert und wie Sie messen, ob er wirklich hilft.

Wie ein KI-Chatbot seine Antworten findet

Ältere Chatbots folgten einem festen Skript: Die Kundin klickte auf Schaltflächen, und der Bot ging einen Entscheidungsbaum entlang. KI-Chatbots verstehen Fragen in freiem Text und formulieren Antworten in eigenen Worten. Im Kundenservice sollen sie aber nicht aus ihrem Allgemeinwissen antworten, sondern aus Ihrer Wissensbasis: den Hilfeartikeln, Richtlinien und Produktdaten, die Sie für den Bot freigeben. Ein Bot, der nur aus solchen freigegebenen Inhalten antwortet, heißt geerdet (grounded). Ohne diese Erdung füllt das KI-Modell hinter dem Bot Lücken mit plausiblen Vermutungen. So entstehen erfundene Rückgabefristen, Rabatte oder Öffnungszeiten, die richtig klingen, aber nicht stimmen.

Vier Schritte eines Chatbot-Gesprächs — Kunde fragt, Bot sucht in der Wissensbasis, antwortet mit Link und fragt, ob es geholfen hat — und drei Wege zu einem Menschen
Ein Chatbot mit Ausweg: Sobald der Bot nicht sicher helfen kann, übernimmt ein Mensch.

Die meisten Tools verbinden beide Ansätze. Feste Abläufe eignen sich für Aufgaben mit klaren Schritten, etwa den Bestellstatus abzufragen oder eine Rücksendung zu starten. Antworten in freiem Text decken die vielen Arten ab, auf die Kunden dieselbe Frage stellen. In beiden Fällen ist der wichtigste Teil der Planung der Ausweg: die Momente, in denen der Bot das Gespräch an einen Menschen übergibt.

Die ersten Themen auswählen

Fangen Sie nicht mit allem an. Exportieren Sie die Anfragen der letzten drei Monate aus E-Mail, Chat oder Helpdesk, sortieren Sie sie nach Thema, und zählen Sie, wie oft jedes vorkommt. Wählen Sie dann für den Start 10 bis 20 Themen, die oft vorkommen, eine klare Antwort haben und wenig Risiko tragen, falls die Antwort falsch ist.

Beim Sortieren kann ein KI-Assistent helfen, den Ihr Unternehmen freigegeben hat. Entfernen Sie vorher Namen, E-Mail-Adressen und Bestellnummern. Geben Sie ihm dann eine Stichprobe der Anfragen, und lassen Sie sie nach Themen gruppieren und zählen. Jemand aus dem Serviceteam sollte die Gruppen prüfen: Er weiß, welche Fragen sich nur ähnlich sehen.

Drei Spalten: Themen, die der Bot allein beantwortet, Themen, bei denen er Angaben sammelt und ein Mensch entscheidet, und Themen, die direkt zu einem Menschen gehen
Wer übernimmt was: Beginnen Sie mit klaren Themen mit wenig Risiko, und lassen Sie heikle Themen bei Menschen.

Manche Themen gehören direkt zu einem Menschen, auch wenn der Bot eine Antwort schreiben könnte: verärgerte Kunden, rechtliche Forderungen, Datenschutzanfragen, Fragen zu Gesundheit und Sicherheit und der Verdacht auf Betrug. Bei Erstattungen und anderen Ausnahmen kann der Bot die Angaben sammeln, etwa Bestellnummer und Fotos, aber ein Mensch entscheidet.

Die Wissensbasis aufbauen

Der Bot ist nur so gut wie die Inhalte dahinter. Sind Ihre Hilfeseiten veraltet, wiederholt er veraltete Antworten — höflich und tausendfach. Prüfen Sie vor dem Start die Artikel zu Ihren ersten Themen:

KI-Chatbots im Kundenservice: die erste Einrichtung
Regel für jeden ArtikelBeispielWarum das wichtig ist
Eine Frage, ein Artikel„Wie sende ich eine Bestellung zurück?“Der Bot findet die richtige Stelle zuverlässiger
Die Regel genau benennen„Rückgabe innerhalb von 30 Tagen nach Lieferung, unbenutzt, mit Beleg“Vager Text führt zu vagen oder erfundenen Antworten
Ausnahmen nennen„Maßanfertigungen sind vom Umtausch ausgeschlossen“Sonst füllt der Bot die Lücke mit einer Vermutung
Verantwortliche und Prüfdatum eintragen„Zuständig: Serviceleitung, Prüfung jedes Quartal“Jemand merkt, wenn sich eine Regel ändert
Alte Fassungen entfernenDie Versandtabelle vom Vorjahr löschenDer Bot erkennt nicht, welche Fassung gilt

Stellen Sie den Bot dann so ein, dass er nur aus diesen Inhalten antwortet und ehrlich sagt, wenn er nichts findet. Das ist nicht nur eine Frage der Qualität. Der Fall Air Canada aus den Grundregeln für KI am Arbeitsplatz in Level 0 zeigt, dass ein Unternehmen für falsche Antworten seines Chatbots haften kann (Quelle: Moffatt v. Air Canada, 2024 BCCRT 149). Level 0 erklärt außerdem, warum KI gute Unternehmensdaten braucht, auch mit Blick auf die Dokumentation.

Tonfall festlegen und die Übergabe planen

Schreiben Sie einen kurzen Stil-Leitfaden für den Bot. Oft genügen fünf Zeilen:

  • Anrede: freundlich und höflich; legen Sie fest, ob der Bot siezt oder duzt, und bleiben Sie dabei
  • Länge: höchstens drei Sätze, dann ein Link oder eine Frage
  • Emojis: keine oder nur in der Begrüßung
  • Entschuldigung: einmal entschuldigen, dann helfen — nie dem Kunden die Schuld geben
  • Grenzen: im Zweifel das offen sagen und einen Menschen anbieten

Fügen Sie drei Beispielantworten im Ton Ihres Unternehmens hinzu. Viele Tools haben ein Feld für solche Anweisungen.

Machen Sie dann zwei Dinge klar:

  • Kunden wissen, dass es ein Bot ist. Sagen Sie es in der ersten Nachricht. In der EU verlangt die KI-Verordnung (AI Act), dass Menschen informiert werden, wenn sie mit einem KI-System interagieren, sofern das nicht offensichtlich ist (Art. 50).
  • Der Weg zu einem Menschen ist einfach. Bieten Sie ihn jederzeit an, und geben Sie eine kurze Zusammenfassung weiter, damit die Kundin nicht alles wiederholen muss.

Ihr Team arbeitet zu festen Zeiten, der Bot nicht. Außerhalb der Servicezeiten sollte der Bot ein Ticket anlegen, die Angaben sammeln und eine ehrliche Antwortzeit nennen — statt so zu tun, als käme gleich jemand in den Chat.

Beispiel-Chat zu einem beschädigten Paket: Der Bot erkennt einen Erstattungswunsch, sammelt Bestellnummer und Foto, verspricht kein Geld und nennt eine ehrliche Antwortzeit
Eine gute Übergabe nach Feierabend: Der Bot sammelt, was das Team braucht, und verspricht nur, was stimmt.

Ein Tool wählen, das zu Ihrem Team passt

Die Tools für den Kundenservice reichen vom einfachen Chatfenster für die Website bis zu Plattformen, die KI-Agenten über viele Kanäle steuern. Unser Vergleich führt 10 Tools im Bereich Kundenservice & Telefonie. Das Diagramm zeigt, für wen sie gebaut sind:

Balkendiagramm: Kundenservice-Tools in unserem Vergleich nach Zielgruppe, mit den Namen der Tools unter jedem Balken
Tools im Bereich Kundenservice & Telefonie nach Zielgruppe. Die Zahlen stammen direkt aus unseren Tool-Daten.

Vier Beispiele zeigen die Bandbreite. Nach Angaben der Anbieter verbindet Tidio einen KI-Agenten namens Lyro mit Live-Chat und Ticketsystem. Landbot ist ein Baukasten ohne Programmierung für Chatbots auf Websites und in WhatsApp. SleekFlow bündelt WhatsApp, Instagram und Live-Chat in einem Posteingang. Typewise richtet sich an größere Serviceteams, mit KI-Agenten, die auch Abläufe in CRM- und ERP-Systemen ausführen.

Kurzbeschreibungen aus unserem Tool-Vergleich, nach Angaben der Anbieter — nicht von ABXK getestet.

Tidio — Bild von der Website des Anbieters
Tidio: Kundenservice-Plattform mit KI-Agent, Live-Chat, Ticketsystem und Automatisierungen. Bild: Quelle tidio.com. Tidio im Vergleich →

Messen, was der Bot wirklich löst

Ein Bot kann auf dem Papier erfolgreich aussehen, während Kunden entnervt aufgeben. Beobachten Sie deshalb mehrere Kennzahlen zusammen:

KI-Chatbots im Kundenservice: die erste Einrichtung (2)
KennzahlWas sie zeigtVorsicht
LösungsquoteAnteil der Gespräche, die der Bot ohne Menschen abschließtWer aufgibt, zählt ebenfalls als „gelöst“
ÜbergabequoteAnteil der Gespräche, die an einen Menschen gehenEine sehr niedrige Quote kann bedeuten, dass der Weg zum Menschen versteckt ist
CSATKundenzufriedenheit, oft der Anteil der Bewertungen mit 4 oder 5 auf einer FünferskalaNur ein Teil der Kunden bewertet; lesen Sie auch die Kommentare
Wiederholte KontakteKunden, die innerhalb weniger Tage mit demselben Anliegen zurückkommenDas deutlichste Zeichen für ein falsches „gelöst“
Unbeantwortete FragenFragen ohne Treffer in der WissensbasisIhre Aufgabenliste für neue Artikel

Lesen Sie außerdem jede Woche eine Stichprobe der Gespräche. Zahlen zeigen, wie oft etwas passiert; Gesprächsverläufe zeigen, warum. Level 3 erklärt ausführlicher, wie Sie Qualitätskontrollen und Eskalation einrichten, und Level 2 überträgt dieselben Ideen auf KI-Telefonagenten.

Ihre ersten 30 Tage

KI-Chatbots im Kundenservice: die erste Einrichtung (3)
WocheZielWas Sie tun
1Vorbereiten10 bis 20 Themen wählen, ihre Artikel überarbeiten, Stil-Leitfaden und Übergaberegeln schreiben
2Intern testenDem Bot 50 echte Fragen aus alten Tickets stellen, ohne personenbezogene Daten; die Inhalte korrigieren, nicht nur den Bot
3Klein startenAuf einem Kanal oder wenigen Seiten live gehen, mit sichtbarer Option „mit einem Menschen sprechen“
4Auswerten und entscheidenKennzahlen mit den Werten vor dem Start vergleichen, Verläufe lesen, über weitere Themen entscheiden