AI Development · Level 1 · Grundlagen

Ein Modell für Ihre App wählen: Qualität, Tempo, Kosten, Offenheit

So wählen Sie ein Sprachmodell für Ihre App: Qualität, Tempo, Kosten, Kontext und Offenheit abwägen, dann eine Shortlist mit eigenen Daten testen.

Von 9 Min. Lesezeit
So wählen Sie ein Sprachmodell für Ihre App: Qualität, Tempo, Kosten, Kontext und Offenheit abwägen, dann eine Shortlist mit eigenen Daten testen.

Bei Ihrem ersten API-Aufruf stand in der Anfrage ein Platzhalter als Modell. In einer echten App gehört genau dieses Feld zu Ihren wichtigsten Entscheidungen. Es bestimmt die Qualität der Antworten, wie lange Nutzer warten und was jede Anfrage kostet. Die Auswahl ist groß: Allein unsere LLM-Datenbank führt 343 Modelle.

Dies ist Teil 4 von Level 1 unseres Lernpfads AI Development. Sie erfahren, welche Kriterien zählen und wie sie gegeneinander wirken. Außerdem sehen Sie, was offene und geschlossene Gewichte für Ihre App bedeuten und wie Sie eine Shortlist mit Ihren eigenen Daten testen. Hilfreich sind die Grundlagen zu Tokens und Kontextfenstern aus Level 0.

Mit der Aufgabe beginnen, nicht mit einer Rangliste

Ranglisten zeigen, welches Modell im Schnitt über viele Tests am stärksten ist. Ihre App braucht etwas anderes: ein Modell, das Ihre Aufgabe gut genug, schnell genug und zu tragbaren Kosten erledigt — und das unter Ihren Datenregeln. Das ist oft nicht das Modell an der Spitze einer Rangliste.

Notieren Sie deshalb zwei Dinge, bevor Sie sich ein einziges Modell ansehen:

  • Die Aufgabe in einem Satz, zum Beispiel „Kundenfragen auf Deutsch und Englisch aus unseren Hilfeartikeln beantworten“.
  • Die harten Anforderungen: Bedingungen, die ein Modell erfüllen muss, sonst scheidet es aus. Müssen die Daten in der EU oder auf Ihren eigenen Servern bleiben? Welche Sprachen? Wie lang sind die Eingaben? Laden Nutzer Bilder oder PDF-Dateien hoch? Wie schnell muss die Antwort beginnen?

Mit diesen Notizen stellen Sie jedem Kandidaten dieselben sechs Fragen:

Sechs Karten mit den Kriterien für die Modellwahl: Qualität, gemessen mit Ihren eigenen Daten, Tempo bis zum ersten Wort und zur ganzen Antwort, Kosten der Eingabe- und Ausgabe-Tokens pro Anfrage, Kontextfenster, offene oder geschlossene Gewichte sowie Ort der Datenverarbeitung und -speicherung
Sechs Fragen an jedes Modell. Die Qualität steht an erster Stelle, gemessen mit Ihren eigenen Daten.

Qualität, Tempo und Kosten ziehen in verschiedene Richtungen

Qualität heißt: Wie gut löst ein Modell Ihre Aufgabe? Allgemeine Benchmarks geben einen ersten Eindruck. Einen guten Überblick bietet der Epoch Capabilities Index (ECI), der die Ergebnisse vieler Benchmarks zu einer Zahl je Modell zusammenführt. Das sind die aktuellen Spitzenreiter in unseren Daten:

Epoch Capabilities Index: die 8 besten Modelle
#ModellErschienenErgebnis
1Claude Opus 5.5 Anthropic22.09.2026166,8
2GPT-6 Astra OpenAI03.09.2026166,4
3GPT-6.1 Sol OpenAI29.09.2026166,3
4Claude Fable 5.1 Anthropic01.09.2026164,7
5Gemini 4 Argon Google DeepMind30.09.2026164,6
6Claude Sonnet 5.5 Anthropic28.09.2026164,4
7Claude Opus 5 Anthropic24.07.2026162,6
8GPT-6 Sol OpenAI22.09.2026162,6

Fasst die Ergebnisse von mehr als 50 Benchmarks zu einer Zahl je Modell zusammen, sodass sich Modelle vergleichen lassen, auch wenn sie nie auf denselben Benchmarks geprüft wurden. Ein Index, kein Prozentwert: Epoch AI skaliert ihn so, dass Claude 3.5 Sonnet bei 130 und GPT-5 bei 150 steht. Daten: Epoch AI, abgerufen am 17.10.2026, Lizenz CC BY 4.0. Alle Modelle: LLM-Datenbank.

Ein hoher Rang zeigt, dass ein Modell allgemein stark ist. Er zeigt nicht, wie gut es mit Ihren Support-Tickets, Ihren Produktdaten oder Ihrer Sprache umgeht. Das zeigt nur ein Test mit Ihren eigenen Eingaben — wie er funktioniert, erklärt der letzte Abschnitt.

Tempo, auch Latenz genannt, hat zwei Teile. Die Zeit bis zum ersten Token gibt an, wie lange es dauert, bis die Antwort beginnt. Die Ausgabegeschwindigkeit gibt an, wie viele Tokens pro Sekunde das Modell danach schreibt. Große Modelle und Reasoning-Modelle, die ein Problem vor der Antwort Schritt für Schritt durcharbeiten, sind oft langsamer. Mit Streaming sehen Nutzer die Antwort, während sie entsteht, und das Warten fühlt sich kürzer an.

Kosten hängen an den Tokens jeder Anfrage. APIs rechnen Eingabe- und Ausgabe-Tokens getrennt ab, mit unterschiedlichen Preisen je Modell. Ein größeres Modell kostet pro Token meist mehr, und Reasoning erzeugt zusätzliche Ausgabe-Tokens, die Sie ebenfalls bezahlen. Vergleichen Sie die Kosten einer typischen Anfrage mit Ihren eigenen Token-Zahlen, nicht nur die Preisliste.

Innerhalb einer Modellfamilie hängen diese drei Kriterien meist zusammen: Das größere Modell ist stärker, langsamer und teurer.

Vergleich eines großen Spitzenmodells mit einem kleinen, schnellen Modell: Das große ist bei schweren Aufgaben stärker, aber langsamer und pro Token teurer; das kleine genügt oft für klare, enge Aufgaben, antwortet schnell und kostet weniger; darunter die Faustregel, zuerst mit einem starken Modell zu testen und dann das kleinste Modell zu wählen, das die Tests besteht
Großes oder kleines Modell? Typische Tendenzen innerhalb einer Modellfamilie. Ihre Tests entscheiden.

Das Kontextfenster ist das vierte Kriterium: Es muss Ihre Anweisungen, Dokumente, den Gesprächsverlauf und die Antwort aufnehmen. Ein größeres Fenster ist nicht automatisch besser, denn jedes Token, das Sie schicken, kostet Geld und Zeit.

Offene oder geschlossene Gewichte

Die Gewichte sind die Zahlen, die ein Modell im Training gelernt hat. Bei offenen Gewichten (Open Weights) sind die Modelldateien veröffentlicht. Sie können das Modell auf eigener Hardware oder auf gemieteten GPUs betreiben, und viele Hosting-Dienste bieten solche Modelle auch über eine API an. Bei geschlossenen Gewichten nutzen Sie das Modell nur über die API oder die App des Anbieters. In unserer Datenbank haben 172 Modelle offene Gewichte, 160 sind geschlossen.

Zwei Diagramme aus unserer LLM-Datenbank: der Anteil der Modelle mit offenen Gewichten je Erscheinungsjahr als Balken und die ersten 30 Modelle im Gesamtindex ECI als Reihe von Quadraten, eingefärbt nach offenen oder geschlossenen Gewichten, mit Markierung des besten offenen Modells
Offene und geschlossene Modelle in unserer LLM-Datenbank. Die Werte stammen direkt aus den Daten. Daten: Epoch AI, CC BY 4.0.

Die Abbildung zeigt zwei Blicke auf dieselben Daten: welcher Anteil der neuen Modelle in unserer Datenbank in jedem Jahr mit offenen Gewichten erschienen ist und wo Modelle mit offenen Gewichten in der Gesamtwertung stehen. Unsere Datenbank führt Modelle mit veröffentlichten Testergebnissen. Sie zeigt also diese Modelle, nicht jedes Modell auf dem Markt. Hier einige starke Modelle mit offenen Gewichten aus unseren Daten:

Modelle aus unserer LLM-Datenbank
ModellErschienenGewichteECIRang
Kimi K3 Moonshot16.07.2026offen157,417
DeepSeek V4.1 Flash DeepSeek09.09.2026offen155,631
DeepSeek V4 Pro 0813 DeepSeek13.08.2026offen155,332
GLM-5.3-Flash Z.ai (Zhipu AI)20.08.2026offen153,245
Qwen 3.8 27B Alibaba14.08.2026offen151,652

ECI = Epoch Capabilities Index, ein Gesamtwert über viele Benchmarks; Rang unter allen Modellen mit ECI. Daten: Epoch AI, abgerufen am 17.10.2026, Lizenz CC BY 4.0. Alle Modelle: LLM-Datenbank.

Eine Angabe wie 27B im Modellnamen nennt meist die Zahl der Parameter, hier 27 Milliarden. Als grobe Orientierung gilt: Mehr Parameter brauchen mehr GPU-Speicher und mehr Rechenleistung.

Bei der Wahl zwischen beiden Gruppen geht es um Kontrolle und Aufwand:

Ein Modell für Ihre App wählen: Qualität, Tempo, Kosten, Offenheit
Offene GewichteGeschlossene Gewichte
Wo das Modell läuftWo Sie entscheiden: eigene Server, GPU-Cloud, Hosting-DienstBeim Anbieter
Ihre DatenKönnen in Ihrer eigenen Umgebung bleibenGehen an den Anbieter, nach dessen Bedingungen
VersionenSie behalten die Dateien, so lange Sie wollenDer Anbieter aktualisiert Versionen und stellt sie ein
AnpassenFine-Tuning auf eigener Hardware möglichNur, wo der Anbieter es anbietet
AufwandSie betreiben, skalieren und sichern alles selbst — oder bezahlen einen HosterGering: Ein API-Schlüssel genügt
LizenzUnterschiedlich; manche Lizenzen schränken bestimmte Nutzungen einFestgelegt in den Nutzungsbedingungen des Anbieters

„Offene Gewichte“ heißt nicht immer „Open Source“. Manche Lizenzen begrenzen die kommerzielle Nutzung, stellen Bedingungen für sehr große Dienste oder verlangen, dass Sie das Modell nennen. Lesen Sie die Lizenz, bevor Sie auf einem Modell aufbauen. Wenn Sie ein Modell mit offenen Gewichten selbst betreiben möchten, vermietet eine GPU-Cloud wie Runpod laut Anbieter die Hardware, abgerechnet nach Nutzung. Level 3 erklärt, wann sich gemietete GPUs lohnen.

Fragen, bevor Sie sich festlegen

Benchmarks beantworten keine Fragen zu Daten und Betrieb. Die Antworten finden Sie in der Dokumentation des Anbieters, in seinen Nutzungsbedingungen und im Vertrag zur Auftragsverarbeitung:

Ein Modell für Ihre App wählen: Qualität, Tempo, Kosten, Offenheit (2)
FrageWarum sie zählt
Werden Ihre API-Eingaben zum Training genutzt?Eingaben können Kundendaten oder Geschäftsgeheimnisse enthalten
Wo werden die Daten verarbeitet und gespeichert?Manche Datenregeln verlangen eine Region, etwa die EU
Wie lange werden Ein- und Ausgaben aufbewahrt?Kürzere Speicherung bedeutet weniger Risiko
Gibt es einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung (AVV)?Nach der DSGVO braucht ihn jeder Anbieter, der personenbezogene Daten in Ihrem Auftrag verarbeitet (Artikel 28)
Können Sie eine feste Modellversion nutzen, und wann wird sie eingestellt?Eine stille Änderung oder eine Abschaltung kann Ihre App lahmlegen
Kann das Modell, was Ihre App braucht?Zum Beispiel JSON-Ausgabe, Tool Calling, Bilder oder Ihre Sprachen

Die Shortlist mit eigenen Daten testen

Jetzt grenzen Sie die Auswahl ein. Streichen Sie jedes Modell, das eine harte Anforderung verfehlt, und wählen Sie zwei bis vier Kandidaten unterschiedlicher Größe — am besten von mindestens zwei Anbietern. Dann testen Sie alle mit demselben Prompt.

Ein Trichter mit fünf Stufen: alle Kandidaten aus unserer LLM-Datenbank und den Listen der Anbieter, harte Anforderungen, eine Shortlist mit zwei bis vier Modellen, ein Test mit 20 bis 50 echten Eingaben und die Entscheidung für das kleinste Modell, das besteht, plus ein Ersatz
Von vielen Modellen zu einem: erst die harten Anforderungen, dann ein Test mit Ihren eigenen Eingaben.

  1. Sammeln Sie 20 bis 50 echte Eingaben und notieren Sie zu jeder das erwartete Ergebnis. Nehmen Sie leichte, typische und knifflige Fälle auf. Wenn Sie Ihre Prompts wie in Teil 2 versionieren, haben Sie ein solches Testset bereits.
  2. Lassen Sie jeden Kandidaten laufen, mit demselben Prompt und denselben Einstellungen, und halten Sie Antwort, Zeit und Tokens jeder Anfrage fest.
  3. Bewerten Sie die Antworten. Markieren Sie jede als richtig oder falsch, oder nutzen Sie eine einfache Skala. Level 2 macht daraus automatisierte Evals.
  4. Berechnen Sie die Kosten pro 1.000 Anfragen aus den Token-Zahlen und den aktuellen Preisen des Anbieters.
  5. Entscheiden Sie. Wählen Sie das kleinste oder günstigste Modell, das Ihre Qualitätsschwelle erreicht. Behalten Sie den Zweitplatzierten als Ersatzmodell (Fallback) für Ausfälle, am besten von einem anderen Anbieter.

Ein kurzes Skript erledigt die Schritte 2 und 4 für Sie. Es nutzt die Anfrage aus Teil 1 und schreibt je Antwort eine Zeile in eine CSV-Datei, die Sie in einer Tabellenkalkulation öffnen können:

import csv
import os
import time

import requests

URL = "https://api.example.com/v1/chat"                  # Endpunkt Ihres Anbieters
HEADERS = {"Authorization": f"Bearer {os.environ['LLM_API_KEY']}"}
CANDIDATES = ["model-large", "model-medium", "model-small"]  # Modell-IDs aus der Doku
SYSTEM = open("prompts/faq_v3.txt").read()               # derselbe Prompt für jedes Modell

with open("tests.csv", newline="") as f:                 # Spalten: question, expected
    tests = list(csv.DictReader(f))

with open("results.csv", "w", newline="") as f:
    out = csv.writer(f)
    out.writerow(["model", "question", "expected", "answer", "seconds", "tokens_in", "tokens_out"])
    for model in CANDIDATES:
        for t in tests:
            start = time.perf_counter()
            r = requests.post(URL, headers=HEADERS, timeout=60, json={
                "model": model,
                "messages": [{"role": "system", "content": SYSTEM},
                             {"role": "user", "content": t["question"]}],
                "max_tokens": 400,
            })
            r.raise_for_status()
            data = r.json()                              # Aufbau wie in Teil 1; je nach Anbieter anders
            out.writerow([model, t["question"], t["expected"], data["output"][0]["text"],
                          round(time.perf_counter() - start, 2),
                          data["usage"]["input_tokens"], data["usage"]["output_tokens"]])

Wiederholen Sie jeden Test mehrmals, wenn die Antworten schwanken, und sehen Sie sich die langsamsten Antworten an, nicht nur den Durchschnitt. Ein Modell, das meist schnell ist, aber manchmal viel länger braucht, kann Ihre Nutzer trotzdem verärgern.

Welches Modell für welche App: eine Entscheidungstabelle

Ihre Testergebnisse entscheiden, doch diese Tabelle gibt Ihnen einen sinnvollen Ausgangspunkt für die Shortlist:

Ein Modell für Ihre App wählen: Qualität, Tempo, Kosten, Offenheit (3)
Ihre AppBeginnen Sie mitAchten Sie auf
Antworten aus Ihren Dokumenten (FAQ, Support)Einem kleinen oder mittelgroßen Modell mit genug Kontext für Ihre TextstellenViele falsche Antworten stammen aus der Suche, nicht vom Modell — prüfen Sie zuerst die Textstellen
Sortieren, Verschlagworten, Daten als JSON extrahierenEinem kleinen, schnellen ModellGrenzfälle; das JSON im Code prüfen
Entwürfe und Zusammenfassungen, die Menschen überarbeitenEinem mittelgroßen ModellTon und Länge; ein Mensch prüft weiterhin
Hilfe beim Programmieren, komplexe Analysen, mehrstufige AgentenEinem Modell weit oben in der GesamtwertungZeit und Kosten pro Aufgabe
Live-Chat oder Sprache mit kurzen AntwortenEinem schnellen Modell, mit StreamingZeit bis zum ersten Token
Daten, die auf Ihren Servern bleiben müssenEinem Modell mit offenen Gewichten auf eigener oder gemieteter HardwareLizenzbedingungen; Aufwand für den GPU-Betrieb
Lange Verträge oder HandbücherEinem Modell mit großem Kontextfenster — oder stattdessen einer Suche in Ihren DokumentenKosten pro Anfrage; Details, die in langen Eingaben untergehen

Prüfen Sie Ihre Wahl von Zeit zu Zeit erneut. Neue Modelle erscheinen häufig, und Anbieter stellen ältere Versionen ein. Weil Testset und Skript schon existieren, ist die Prüfung eines neuen Kandidaten eine Sache von einer Stunde, kein Projekt.